Mittwoch, 29.11.2006
Der Mann der offenen Ohren
Nun lebt er auch schon seit zwei Jahren nicht mehr, der legendäre englische DJ John Peel. Vor kurzem ist die deutsche Übersetzung seiner posthum erschienenen Autobiographie erschienen, bei Rogner & Bernhardt, Titel: "John Peel. Memoiren des einflussreichsten DJs der Welt". Aus diesem Anlass widmete

kürzlich Radio Eins zwei Stunden der Erinnerung an Peel, der
auch in Deutschland via BFBS zu hören war - und jahrelang auch auf Radio Eins. Hab die Sendung gehört und mich zum einen an ihn und meine BFBS-Stunden am Radio erinnert: "My name is John Peel and this is some of my music", so eröffnete er seine "John Peel´s Music". Da lief ja wirklich alles durcheinander. Es konnte ja nun durchaus passieren, dass nach einem Punk-Stück was Hip Hoppiges lief und dann ein Lied eines georgischen Chores, gefolgt von David Bowie. Wie auch immer. Der Mann schwomm jedenfalls nie im Mainstream und setzte auf die offenen Ohren seiner Zuhörerschaft. Musikalische Grenzen schienen ihn nicht zu interessieren, und die, die ihm zuhörten, wurden mit Dingen konfrontiert, die sie sonst nie zu Ohren bekommen hätten. Das alles wirkt im Zeitalter der Formatierung, der Spartenprogramme und immer stärkeren Spezialisierung in verschiedenste Stile wie ein Anachronismus. Ich kann heute eine bestimmte Musik mögen, hole mir genau die als MP3-Datei aus dem Netz und bin befriedigt. Ich muss weder links noch rechts gucken. Muss meine Ohren nicht mehr mit Klängen belasten, die mich irritieren könnten oder auf andere Pfade locken. So schön es ist, im Web Bluegrass-Radio hören zu können: Das allein kann es ja wohl nicht sein. Aber in der Regel muss man zwischen den Spezialkanälen hin und her wandern. Eine Sendung, in der alles Mögliche zusammenkommt, findet kaum mehr statt. Mir fällt spontan in Deutschland keine ein. DJs, die sich das in Deutschland getraut haben, sind in der Versenkung verschwunden. Kann mich noch gut erinnern, als Alan Bangs bei WDR-Eins Live rausgeflogen ist vor etlichen Jahren, als er Chopin - ich glaube, es war Chopin - im Popmusikradio spielte. War zwar Sonntagnacht, aber egal. Aber wer weiß. Vielleicht bilden sich doch wieder Inseln, vielleicht taucht wieder ein DJ mit Rückendeckung und Rückgrat auf, den Verantwortliche einfach machen lassen. Vielleicht auf Radio Eins, vielleicht im Deutschlandradio? Wir wissen es schließlich alle: Es ist gar nicht gut, immer nur eine Musikrichtung zu hören. Das gibt Ohrenkrebs. Und trocknet den musikalischen Verstand aus.
Infos über und Erinnerungen an John Peel verbreitet die BBC über ihre Peel-Site und eine umfangreiche blogige Fan-Page.
Kommentare
Dein Kommentar
Trackbacks
Trackback-URL dieses Artikels: http://doppelstopp.blogg.de/trackback.php?id=48